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Landschaft Welle
09.08.2018

Zehn Jahre »OnyX« im Landkreis Calw

Beratungsstelle bei sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen leistet wichtige Arbeit

Kürzlich fand im Calwer Landratsamt das 9. NETZwerktreffen gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen statt. In diesem Rahmen wurde auch das mittlerweile zehnjährige Bestehen der an das Landratsamt angegliederten Beratungsstelle „OnyX“ begangen. Dabei wurde nicht zuletzt durch einen Vortrag von Matthias Katsch, der als ehemaliger Schüler der Berliner Jesuitenschule Canisius-Kolleg in den 70er Jahren selbst sexuellen Missbrauch erfahren hat und sich seither auf vielfältige Weise gegen sexuellen Kindesmissbrauch einsetzt, deutlich, wie wichtig die Arbeit der Beratungsstelle ist.

Katsch schloss sich der Begrüßung durch Sozialdezernent Norbert Weiser und einer kurzen Einführung zu Historie und Entwicklung der Strukturen der Beratungsstelle durch deren Leitung und Mitarbeiter an. Der Fokus seines Vortrags zum Thema „Aufarbeitung sexueller Gewalt: persönlich, institutionell und gesellschaftlich“ lag auf den Herausforderungen und Chancen für die Prävention.

Er machte unter anderem darauf aufmerksam, dass sexuelle Gewalt in der Kindheit nicht nur ein sehr persönliches Lebensschicksal, sondern ein gesellschaftlicher Skandal sei. Bezugnehmend auf eine aktuelle repräsentative Befragung führte er an, dass Kinder und Jugendliche stärker von sexueller Gewalt betroffen seien als allgemein bekannt ist. „Sexuelle Gewalt ist so verbreitet wie eine Volkskrankheit aber wir behandeln sie immer noch wie ein seltenes, exotisches Phänomen“, so die mahnenden Worte des Referenten. Um Betroffenen helfen zu können, brauche es ausreichend Hilfs- und Unterstützungsangebote. Die OnyX-Beratungsstelle bei sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen sei hier eine sehr wichtige Anlaufstelle im Landkreis Calw.

Bereits vor zwei Jahren haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Beratungsstelle Onyx die NETZwerkinitiative „X-Kein Raum dem Missbrauch“ ins Leben gerufen. Ihr Ziel ist es, Einrichtungen, Schulen und Vereine für das Thema sexuelle Gewalt zu sensibilisieren und dort die Entwicklung und Anwendung geeigneter Präventions- und Schutzkonzepte anzuregen. Für ein erarbeitetes und gelebtes Schutzkonzept erhalten Einrichtungen, Schulen und Vereine vom Landrat ein Siegel überreicht, das sie öffentlich aushängen können und so auch klar Stellung beziehen: Bei uns besteht „Kein Raum für Missbrauch“.

Bei Fragen und Anregungen stehen die Mitarbeiter der OnyX-Beratungsstelle unter der Telefonnummer 07452-842580 bzw. Mobil unter 0170-4544080 oder per E-Mail an onyx@kreis-calw.de zur Verfügung. Nähere Informationen zur Arbeit der Beratungsstelle sind auch unter www.kreis-calw.de/onyx zu finden.

Hintergrundinfo:

Zur Person Matthias Katsch:

Matthias Katsch war einst Schüler der Berliner Jesuitenschule Canisius-Kolleg und ist eines der Opfer der 2010 bekanntgewordenen sexuellen Missbrauchsfälle an dem Gymnasium während der 1970er und 80er Jahre. Gemeinsam mit anderen Betroffenen gründete Katsch die Initiative „Eckiger Tisch“. Der gemeinnützige Verein streitet für Aufklärung, Hilfe und Genugtuung. Seit 2010 setzt sich Katsch in der Öffentlichkeit und gegenüber der Politik für eine umfassende gesellschaftliche Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen in Deutschland ein. 2010 / 2011 arbeitete er mit am Runden Tisch Sexueller Kindesmissbrauch. Er ist Mitglied des Betroffenenrats beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung. Seit 2016 ist Katsch ständiger Gast der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.

Zur OnyX-Beratungsstelle bei sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen:

Die OnyX-Beratungsstelle bei sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen wurde 2008 gegründet und ist im Landratsamt Calw in der Abteilung Jugendhilfe angesiedelt.

Ihr Schwerpunkt liegt auf der Beratung von sexualisierter Gewalt betroffener Kinder und Jugendlicher sowie ihren Angehörigen (zentrale Fragestellungen hierbei sind beispielsweise: Wo stehen die Betroffenen? Welche Unterstützung benötigen diese? Welche Schritte sind als nächstes sinnvoll? Ist eine therapeutische Betreuung erforderlich? Wie wird weiter vorgegangen – soll ggf. eine Strafanzeige erstattet werden? Was genau bedeutet eine Strafanzeige?). Zudem bietet sie ggf. eine Unterstützung beim Stellen einer Strafanzeige und eine Begleitung des weiteren Verfahrens.

Fachkräfte (Lehrer, Betreuer in Vereinen etc.) können sich bei Verdachtsmomenten sowie auch bei Bedarf an allgemeinem Fachwissen oder Material zum Thema sexualisierte Gewalt oder zur allgemeinen sexuellen Entwicklung von Kinder und Jugendlichen an die Beratungsstelle wenden.

Die Beratung verläuft stets vertraulich, kostenlos und auf Wunsch anonym.

Für Einschätzungen von Kindeswohlgefährdungen können sich Fachkräfte an eine insofern erfahrene Fachkraft wenden. Die Liste der insofern erfahrenen Fachkräfte ist beim Sekretariat der Abteilung Jugendhilfe im Landratsamt Calw unter der Telefonnummer 07051-160 463 erhältlich.

Die Beratungsstelle organisiert zudem regelmäßig das sogenannte NETZwerktreffen für Personen, die im weiteren Sinne in der Kinder- und Jugendhilfe tätig sind (unter anderem Jugendamt, Kinderschutzbund, Kindergärten, Schulsozialarbeit, Therapeuten, Lebenshilfe und Kriminalpolizei). In diesem Rahmen werden verschiedenste Themen im Zusammenhang mit der Vorbeugung und dem Umgang bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche behandelt. Im Mittelpunkt stehen hierbei Fachvorträge und Austausch.

Im Rahmen eines SonderNETZwerktreffens wurde Mitte 2016 in enger Zusammenarbeit mit dem Kreisjugendring die NETZwerkinitiative „X - Kein Raum für Missbrauch“ im Landkreis Calw gegründet. Ziel der Initiative ist es, Kinder und Jugendliche in Vereinen und Einrichtungen in der Kinder- und Jugendhilfe im Kreis durch präventive Schutzkonzepte besser vor sexuellen Übergriffen zu schützen. Gemeinsam mit Vereinen und Einrichtungen werden Schutzkonzepte entwickelt, die Verhaltensrichtlinien umfassen, wie beim Verdacht auf sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen vorgegangen werden sollte. Ziel ist es, den Kinderschutz im Kreis professionell zu etablieren.

Alle Verbände und Einrichtungen, die sich aktiv mit der Thematik auseinandersetzen, erhalten vom Landratsamt Calw in Abstimmung mit der Bundesinitiative „X – kein Raum für Missbrauch“ ein auf den Landkreis angepasstes „Aktiv im Kinderschutz“-Siegel. Die Verleihung des Siegels ist dabei an folgende Punkte geknüpft:

o Vorliegen der §72a Vereinbarung des ehrenamtlichen Trägers (Vereine, Verbände, Kirchen, Feuerwehren etc.) à §72a des SGB VIII regelt, dass Ehrenamtliche, die intensiven Kontakt zu Jugendlichen haben, ein Führungszeugnis vorlegen müssen.

o Vorliegen eines auf den Verein/Verband passenden Schutzkonzepts zum Kinderschutz

o Beschluss zur Umsetzung dieses Schutzkonzepts durch Vorstand (sofern zeitlich möglich auch durch Mitgliederversammlung)

o Teilnahme an Workshops zum Themenbereich „sexueller Missbrauch/Kinderschutz“ in einem mindestens dreijährigen Rhythmus

Das Siegel kann in Form eines Plakats im Verein bzw. in der Einrichtung angebracht werden und signalisiert: wir setzen uns aktiv für den Schutz der uns anvertrauten Kinder ein. Bisher haben 30 Institutionen und zehn Vereine im Landkreis Calw das Siegel bekommen.

Zudem wird von der Beratungsstelle im jährlichen Wechsel ein Präventionstheaterstück für die Klassenstufen 3 und 4 bzw. 7 und 8 zur Aufklärung der Kinder und Jugendlichen angeboten

Schulen, Vereine etc. können sich bei der Beratungsstelle sogenannte „Präventionskoffer“ ausleihen, die Informationsmaterial und Bücher zum Thema sexuelle Entwicklung für drei unterschiedliche Altersstufen enthalten.

Da die Beratungsstelle sich und ihre Angebote gerade auch im Altersbereich der Klassenstufen sieben bis zehn bekannter machen möchte, ist vorgesehen, gemeinsam mit Schulsozialarbeitern in diesen Klassen verstärkt in die Öffentlichkeitsarbeit zu gehen bzw. sich dort nach Möglichkeit auch gezielt vorzustellen.

Mit der Namensgebung „OnyX“ reagierte die Beratungsstelle auf Rückmeldungen von Justiz, betroffenen Eltern und auch Jugendlichen, die bestätigten, dass der Titel „Beratungsstelle bei sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen“ teilweise eine abschreckende Wirkung habe. Der Onyx ist ein Heilstein, er kann das Selbstbewusstsein und die innere Stärke fördern. Diese Eigenschaften sind elementar für Kinder und Jugendliche, die sich dazu entschließen, sich anzuvertrauen. Deshalb wurde für die Beratungsstelle der Namen OnyX gewählt. Zudem hat sich die Beratungsstelle der bundesweiten Kampagne „Kein Raum für Missbrauch“ angeschlossen, deren Wiedererkennungssymbol das weiße „X“ ist und als sichtbares Zeichen dafür das X im Namen integriert.