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Landschaft Welle
23.08.2019

Rundfahrt zu Landschaftspflege und Artenvielfalt im Landkreis Calw

Bei einer kürzlich durchgeführten Rundfahrt informierte der Calwer Landrat Helmut Riegger gemeinsam mit Mitarbeitern des Landratsamts und des Landschaftserhaltungsverbands Calw sowie Landwirten und Landschaftspflegeunternehmern zum Thema „Landschaftspflege und Artenvielfalt“ im Landkreis Calw.

Mehrere Stationen rund um Gültlingen wurden besucht, um verschiedene Maßnahmen vor Ort zu besichtigen. Schnell wurde deutlich, dass der Landkreis Calw eine ausgesprochen vielfältige und artenreiche Landschaft aufweist. Gerade der oft kleinräumige Wechsel zwischen Äckern, Wiesen und Weiden, Hecken, Feldrainen, Gewässern und Wäldern bietet Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten und ist außerdem sehr attraktiv für Erholungssuchende.

Wie Landrat Riegger betonte, werde im Landkreis Calw viel für die Umwelt und den Naturschutz getan. Beweis dafür sei auch die außerordentlich große Zahl wertvoller Schutzgebiete. Insgesamt gibt es 2.200 gesetzlich geschützte Biotope, 26 Naturschutzgebiete, 14 Landschaftsschutzgebiete, 8 FFH-Gebiete und 2 Vogelschutzgebiete.

Der Kreischef unterstrich, dass der Erhalt dieser abwechslungsreichen Landschaft nur durch das Zusammenwirken aller Akteure möglich sei. Einen wesentlichen Teil dazu tragen die rund 550 Landwirte und Schäfer bei, die Wiesen, Weiden und Äcker bewirtschaften. 2015 wurde im Landkreis Calw der Landschaftserhaltungsverband gegründet, dessen Vorsitzender Landrat Riegger ist. Vom Landschaftserhaltungsverband werden zahlreiche Landschaftspflegemaßnahmen im gesamten Landkreis koordiniert und gemeinsam mit Landwirten, Schäfern und Landschaftspflegeunternehmern umgesetzt.

Erste Station der Rundfahrt war eine Ziegenweide in der Nähe des Gültlinger Sees. Familie Kleinbeck aus Gültlingen beweidet dort im Auftrag des Landratsamts Calw mit ihrer Ziegenherde eine Fläche, die maschinell nicht zu bewirtschaften ist.

Peter Schäfer, Leiter der Abteilung Landwirtschaft und Naturschutz im Landratsamt Calw, bezeichnete die Ziegen von Christa und Markus Kleinbeck als „vierbeinige Landschaftspfleger“, die einen wichtigen Beitrag zur Offenhaltung unserer Landschaft leisten. Fachlich betreut wird die Maßnahme vom Landschaftserhaltungsverband, dessen Geschäftsführer Philipp Beck auch die Historie der Fläche erläuterte: Über viele Jahre hatten sich Sträucher und Gehölze auf der Fläche breitgemacht, da die Fläche zu steil und zu steinig für eine maschinelle Bewirtschaftung war. Die Ziegen haben es geschafft, einen wertvollen Magerrasen und alte Lesesteinriegel wieder zu öffnen, die nun zahlreichen seltenen Arten als wichtiger Lebens- und Nahrungsraum dienen.

Zweite Station auf der Rundfahrt war eine bunt blühende Ackerbrache von Jürgen Kleinbeck. Er ist einer von rund 100 Landwirten im Landkreis Calw, die auf insgesamt zwei Millionen Quadratmetern eine speziell für Insekten und Niederwild abgestimmte Blühmischung ausgesät haben. Sonnenblumen, Kornblumen, Klatschmohn, Klee, Ringelblume, Borretsch und Fenchel lassen die Fläche nicht nur besonders bunt blühen und wohl duften, sondern dienen auch über einen langen Zeitraum als Nahrungsquelle und Deckungsraum. Auf diesen Flächen werde weder Dünger noch Pflanzenschutzmittel ausgebracht, erklärte Peter Schäfer.

Landwirt Kleinbeck verwies auf die benachbarten Streuobstwiesen, die von ihm und vielen anderen Landwirten mit großem Aufwand bewirtschaftet werden. „Wenn man sieht, wie viele Vögel und Insekten von unseren Streuobstbäumen profitieren, dann nimmt man den Mehraufwand bei der Bewirtschaftung in Kauf. Wir pflanzen auch immer wieder junge Bäume nach, obwohl die Bewirtschaftung der Flächen ohne Bäume deutlich einfacher wäre“, so Jürgen Kleinbeck. Landrat Riegger zeigte sich begeistert und lobte Kleinbeck stellvertretend für die Landwirte im Kreis Calw für deren wichtige Arbeit.

Letzte Station der Rundfahrt war eine Wacholderheide auf dem Gültlinger Kapf. Markus Kleinbeck beweidet diese bereits in der zehnten Generation mit seiner knapp 1.000-köpfigen Schafherde. Über Jahrhunderte ist so durch die traditionelle landwirtschaftliche Nutzung ein wichtiger Lebensraum vieler Pflanzen und Tiere entstanden. Auf alten Bildern sei zu erkennen, dass es auf dem Kapf vor rund 90 Jahren nahezu keinen Wald und deutlich mehr offene Weideflächen gab, so Kleinbeck. Deshalb sei zusätzlich zur Schafbeweidung auch eine regelmäßige maschinelle Nachpflege der Flächen erforderlich. Schwarzdorn und Schlehen, die von den Schafen nicht vollständig gefressen werden, müssten immer wieder reduziert werden.

Dies konnten die Teilnehmer der Rundfahrt vor Ort begutachten: Landschaftspflegeunternehmer Philip Häberle aus Simmozheim war gerade dabei, die Fläche mit Hilfe eines ferngesteuerten Motormähers zu pflegen. Philipp Beck erläuterte den Teilnehmern der Rundfahrt die naturschutzfachlichen Besonderheiten des Naturschutzgebiets „Gültlinger und Holzbronner Heiden“. Hier kommen unter anderem der Kreuzenzian und ein Schmetterling, der sogenannte Kreuzenzian-Ameisenbläuling, vor. Beide Arten stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Im Gebiet kommt auch der Neuntöter vor. Typisch für diesen außergewöhnlichen Vogel sei, dass er sich einen Nahrungsvorrat an erbeuteten Insekten und Kleinsäugern anlegt und diese auf Dornen aufspießt.

Landrat Riegger lobte die hervorragende Zusammenarbeit zwischen Landwirten, Landschaftspflegeunternehmern und den Verantwortlichen von Landratsamt und Landschaftserhaltungsverband. „Sie leisten hier eine wertvolle Arbeit für unsere attraktive und artenreiche Landschaft im Landkreis Calw“, so Riegger.