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Landschaft Welle
08.04.2019

Landrat reist mit Bürgermeistern und Kreisräten nach Tallinn

Estland: Klein aber oho im Bereich der Digitalisierung

Calw/Tallinn. Landrat Helmut Riegger ist bekanntlich ein Verfechter der Digitalisierung. Sei es, dass er mit der Einführung der E-Akte die Kreisverwaltung auf eine papierlose Behörde umstellen möchte oder er den Breitbandausbau als Voraussetzung für schnelles Internet forciert. Da ist es naheliegend, dass er Anfang April mit einer Delegation aus Kreisräten, Bürgermeistern und Vertretern der Kreisverwaltung in die estnische Hauptstadt Tallinn gereist ist, um einen Blick in die digitale Zukunft zu werfen und Inspirationen zu sammeln. Denn Estland gilt in Europa als Vorreiter von E-Government und liegt derzeit auf Platz 2 beim Ausbau der digitalen Verwaltung im Ranking der EU-Mitgliedsstaaten.

Zu Beginn der Fachstudienreise wurde die 21-köpfige Delegation in der deutschen Botschaft vom stellvertretenden Botschafter Martin Langer empfangen. Er gab einen Einblick in das aktuelle politische Geschehen Estlands nach den im März stattgefundenen Parlamentswahlen und berichtete, wie wichtig den Esten aufgrund ihrer wechselvollen Geschichte die Zugehörigkeit zur EU und zur Nato ist. Langer machte deutlich, dass Estland ein Eldorado für Startups ist, die Wirtschaft insgesamt sehr dienstleistungsorientiert aufgestellt ist und sehr viele staatliche und private Dienstleistungen mit dem Bürgerausweis in Anspruch genommen werden können.

Was sich dahinter genau verbirgt, wurde den Kreisräten, Bürgermeistern und Vertretern der Kreisverwaltung anschließend im so genannten „E-Estonia Showroom“, eine Art digitales Schaufenster für Delegationen aus aller Welt, erst so richtig deutlich. Denn dort arbeitet der Deutsche Tobias Koch, der anhand seiner eigenen ID-Karte veranschaulichte, dass diese im Jahr 2002 eingeführte Karte für alle Lebenslagen genutzt werden kann. Sie ist nicht nur Personalausweis, Führerschein und Gesundheitskarte in einem. Mit ihr kann beispielsweise die Krankenakte online eingesehen, online gewählt, ein Gewerbe angemeldet oder der Wohnsitz umgemeldet werden. Möglich ist dies, weil die Bürger mit dieser ID-Karte rechtsgültig unterschreiben oder sich ausweisen können. Tobias Koch bezeichnet Estland als „die coolste digitale Gesellschaft“. Er führt dies darauf zurück, dass Estland nach der Unabhängigkeit darauf gesetzt hat, eine Informationsgesellschaft zu werden. Deshalb ist dort der Zugang zum Internet als soziales Grundrecht verankert und kann dank der guten mobilen Breitbandverbindungen auch in Anspruch genommen werden.


Damit die über 500 öffentlichen und noch mehr privaten Dienstleistungen den Bürgern zur Verfü-gung stehen, braucht es private Unternehmen, die diese Programme entwickeln. Mari Pultsin von der Firma Spin TEK stellte der Delegation in den Räumen von E-Estonia ein Programm für die Friedhofsverwaltung vor, das auch schon von deutschen Kommunen angefragt worden ist. Damit können online die Standorte von Gräbern auf Friedhöfen ausfindig gemacht und sogar Lebensläufe der Verstorbenen hinterlegt werden.

Auch beim Gespräch mit Jan Trei, dem stellvertretenden Präsidenten des estnischen Städte- und Gemeindebundes wurde den Gästen aus dem Landkreis Calw klar, dass die Esten viel pragmati-scher sind und den Online-Diensten vertrauen. Dies veranlasste Landrat Helmut Riegger zu der Feststellung, dass in Estland nicht die Problemstellung im Vordergrund steht, sondern Lösungen gesucht und Herausforderungen schneller angegangen werden.

„Ich bin von der Vereinfachung der Bürgerservices begeistert“, resümierte der Kreischef am Abend beim Empfang in der Residenz des Botschafters. „Deutschland hinkt bei der Digitalisierung um viele Jahre hinterher.“ Ob es am vergleichsweise einfachen Staats- und Verwaltungsaufbau Estlands liegt oder an der Startup-Politik des Landes, darüber konnten sich die Calwer während des Empfang mit den geladenen Vertretern aus Politik und Wirtschaft austauschen.

Zu den weiteren Stationen der Fachstudienreise gehörten ein Besuch bei der Stadtverwaltung von Tallinn und ein Gespräch mit Sandra Särav, der Direktorin für globale Angelegenheiten im IT-Managementbüro der Regierung. Dort werden u.a. Strategien für Cybersicherheit entwickelt.

Einen interessanten Einblick in die Startup-Szene ermöglichte die Stippvisite bei der „Garage48 Foundation“, die unweit des Zentrums von Tallinn, im estnischen Silicon Valley, genannt Ülemiste City, angesiedelt ist. In einer ehemaligen Fabrikhalle, die zu einer Location mit besonderer Arbeitsatmosphäre umgestaltet worden ist, werden weltweit „Hackathons“ geplant. Das sind Veranstaltungsformate, in denen u.a. IT-Spezialisten im Team kreative Lösungen für bestimmte Fragestellung entwickeln.

„Die Reise war ein voller Erfolg und wichtiger Impuls für unsere Digitalisierungsstrategie“, hob Landrat Riegger zum Abschluss hervor. Auch die mitgereisten Kommunalpolitiker waren von der zukunftsoffenen Stimmung der Esten sehr angetan. Zurück im Landkreis Calw wurden die Teilnehmer der Delegation mit der Wirklichkeit konfrontiert: Denn der Deutschland Index des Kompetenzzentrums für öffentliche IT hat festgestellt, dass bis dato nur 19 Prozent aller untersuchten öffentlichen Dienstleistungen komplett digital angeboten werden. Es gibt also noch viel zu tun.